Um den Jahreswechsel stand für die Auswahlteams des Handball-Verbandes Sachsen-Anhalt mit dem Deutschland-Cup zwei Höhepunkte auf dem Plan. In einem Interview äußert sich Landestrainer Martin Ostermann zum Abschneiden der beiden Jahrgänge sowie zu aktuellen Themen in diesem Jahr.

Kurz vor Weihnachten hat die Landesauswahl des männlichen Jahrgangs 2006 beim Deutschland-Cup in Berlin die Silbermedaille gewonnen und ist damit Deutscher Vize-Meister. Dazu herzlichen Glückwunsch. Wie blickst du mit etwas Abstand auf das Turnier zurück?

Unsere Vorrundengruppe war mit den Teams aus Sachsen und Mittelrhein stark besetzt. Um aus eigener Kraft weiter zu kommen, mussten wir mindestens einen der beiden schlagen. Im Spiel gegen Mittelrhein waren wir die bessere Mannschaft. Leider haben uns zu viele kleine Fehler dann den Sieg gekostet und am Ende stand es Unentschieden. Also haben wir uns über Nacht eine Strategie überlegt, um möglichst hoch gegen Thüringen zu gewinnen und trotzdem noch genügend Kraft für das zweite Spiel aufzusparen. Denn unter Umständen kommt es auf die Tordifferenz an. Hier hat sich die breite unsere Kaders ausgezahlt.

Tatsächlich war die Gruppenphase ein Auf und Ab der Gefühle. Dafür seid ihr Samst ag dann so richtig ins rollen gekommen, oder?

Die Spiele ab dem Viertelfinale habe ich mir nach Weihnachten noch einmal angesehen. Gerade gegen Baden-Württemberg war es ein ganz offenes Ding. Aber wenn man sieht, mit welchem großen Willen und hoher Qualität im individuellen Abwehrspiel wir zum letzten Ballgewinn gekommen sind, dann geht der Sieg für mich schon vollkommen in Ordnung. Das war mehr als nur Glück.

Das Halbfinale gegen Bayern war ein sehr intensives Jugendspiel. Beide Abwehrreihen und Torhüter haben am Anschlag gespielt. So lange wir im Innenblock stabil standen, hatte ich keine Zweifel am Erfolg. Allerdings waren wir durch Zeitstrafen zum Improvisieren gezwungen. Dies haben die Bayern genutzt, um das Spiel kurzzeitig zu drehen. Am Ende haben wir nach dem Sieg im Halbfinale unser Turnierziel – eine Medaille zu gewinnen – erreicht.

Fehlte deshalb auch die nötige Gier im Finale?

Gegen Berlin war es am Ende schon ziemlich deutlich. Dennoch waren wir nicht chancenlos. Gerade in den Phasen, in denen wir offensiv verteidigt haben, kamen wir zu einigen Ballgewinnen. Leider waren wir in der Chancenverwertung an diesem Tag nicht finaltauglich. Dennoch war es bis dahin eine tolle Entwicklung der Jungs.

Am Ende steht die Silbermedaille und die deutsche Vizemeisterschaft. Ich hoffe, dass die Jungs daraus die notwendige Energie für ihre nächsten Entwicklungsschritte ziehen können. Ein großer Dank geht auch an das Team hinter dem Team. Alle Mitglieder im Staff kannten ihre Aufgabe und haben einen tollen Job gemacht.

Die Mädels des Jahrgangs 2007 waren Anfang Januar ebenfalls  beim Deutschland-Cup in Württemberg aktiv. Wie fällt dein Fazit hier aus?

Wir haben beim Deutschland-Cup eine sehr couragierte Mannschaft, aber ein genauso engagiertes Trainerteam gesehen. Unsere Auftritte waren mutig und beherzt, wobei wir sportlich vor allem gegen offensive Systeme Problem im Zweikampf offenbart haben.

In der Vorrunde haben die Mädels vor allem gegen Hamburg und Brandenburg wirklich überzeugend aufgespielt und sich auch clever verhalten, wobei die knappe Niederlage gegen Brandenburg auch ein Punktgewinn für uns hätte sein können. Mit Platz 14 bewegen wir uns am Ende auch im Rahmen der Möglichkeiten unserer Mädels. Hier haben wir am Ende klare Defizite in der Struktur des weiblichen Nachwuchsleistungssports in Sachsen-Anhalt, da sowohl die Breite als auch die Spitze im Land fehlen. Unter diesen Umständen ist dann bei einer solchen Veranstaltung der Rahmen leider auch begrenzt. Die Art und Weise des Auftritts sowie die gezeigten Leistungen hat mich dennoch freudig überrascht, daher auch Glückwunsch an die Mädels.

Welche Aufgaben bringt das neue Jahr 2023 mit sich?

Ein wichtiges Thema ist, dass sich der Handball-Verband darüber im Klaren werden muss, wie er mit dem Leistungssport im weiblichen Bereich umgehen möchte. Seit einigen Jahren gibt es keine landesweite Sachsen-Anhalt-Liga mehr. Das heißt, dass die Vereine, die Ambitionen in Richtung Leistungssport haben, keine passende Spielebene mehr in Sachsen-Anhalt finden. Auch in der Regionalliga Nord-Ost sind unsere Teams weit abgeschlagen bzw. nicht qualifiziert.

Ein ähnliches Bild zeigt sich während der Auswahlmaßnahmen. Während wir zu Beginn der Förderung meist noch mithalten können, wird der Abstand im Laufe der Monate mit den anderen Verbänden immer größer.

Wo liegt in deinen Augen die Ursache für diese Entwicklung?

Die Förderung des Landessportbundes Sachsen-Anhalt (LSB) richtet sich vor allem nach den Erfolgen der Erwachsenen bei Olympischen Spielen und Welt- oder Europameisterschaften. Und dort haben die Frauen zuletzt von 2006-2008 mit Beteiligung aus Sachsen-Anhalt um die Medaillen mitgespielt. In den nächsten Jahren blieben die Erfolge aus und der Handball-Verband musste im Jahr 2016 erhebliche Einschnitte in der Förderung seitens des LSB ertragen. Im übrigen ist auch der Landestrainer seit dem ausschließlich für den männlichen Bereich zuständig. So ist es im Leistungssportkonzept des Landes Sachsen-Anhalt niedergeschrieben.

Nun ja, von 2017 bis heute haben wir versucht, mit Hilfe der beiden der Vereine SV UNION Halle- Neustadt und HSV Magdeburg, diese Einschnitte zu kompensieren. Aber der Verlust von 4 hauptamtlichen Trainerstellen wiegt schwer. In Rückbetrachtung ist uns eine Kompensation dessen nicht gelungen. So dankbar ich auch für das große Engagement von allen beteiligten bin, ein weiter so kann es nicht geben. Hier muss sich der Handball-Verband neu ausrichten. Vor allen Dingen müssen wir in der Diskussion ehrlich zu uns selbst sein, um einen neuen Weg zu finden.

Das klingt nach einer schwierigen Aufgabe. Welche Themen stehen darüber hinaus noch an?

Die Schiedsrichter sind ein wichtiger Bestandteil des Handballspiels. Leider stelle ich immer wieder fest, dass anstelle des Miteinanders häufig eine aufgeladene Atmosphäre in den Sporthallen vorherrscht. Emotionen gehören zum Wettkampf dazu, aber danach sollte ein vernünftiger Dialog ebenso Bestandteil sein.

Totales Unverständnis herrscht bei mir, wenn Jungschiedsrichter von Übungsleitern oder Eltern extrem unter Druck gesetzt werden. Außergewöhnlicher Druck führt bei Anfängern häufig zum Scheitern. Kein Übungsleiter und kein Elternteil würde so mit dem eigenen Kind oder Mitspieler umgehen. In der Folge haben Nachwuchsschiedsrichter teilweise keine Motivation mehr, ihren Weg weiterzugehen. Sei es aus Angst oder dem Gefühl persönlich gescheitert zu sein. Damit verlieren wir eine wichtige Basis für unsere Sportart. Hier sehe ich die Vereine und den Verband gemeinsam gefordert. Die Werte des Fairplay und gegenseitigen Respekts sollten wieder stärker gelebt werden.

Außerdem sollten Jugendspielerinnen und Jugendspieler systematisch an das Schiedsrichterwesen herangeführt werden. Dies beginnt aus meiner Sicht schon mit dem Pfeifen eines Trainingsspiels im Vereinstraining der eigenen Jugendmannschaft. Nach den notwendigen Entwicklungsschritten könnte die Entwicklung der Schiedsrichter in einem Coaching bei Turnieren des Nachwuchsleistungssports fortgeführt werden. Wichtig dabei ist, dass diese Entwicklung planvoll und mit einem Konzept passieren sollte.

Vereine und Verband müssen gemeinsam überlegen, wie ihre Mitglieder wichtige Aufgaben übernehmen. Ich rede hier neben den Schiedsrichtern auch von Übungsleitern, Funktionären und den wichtigen Helfern und Betreuern ringsherum.

Vielen Dank für deine Zeit.

 

Das Gespräch führte Lukas Fischer im Rahmen einer Studienarbeit mit Landestrainer Martin Ostermann, um mehr über die aktuellen Herausforderungen im Nachwuchsleistungssport in Sachsen-Anhalt zu erfahren.

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